19.06.2019
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AOK-Gesundheitsreport: Viel Nachholbedarf bei der Vorsorge

Regionaldirektor Helmut Schneider und Nicole Bauer stellten den AOK-Gesundheitsreport 2018 für den Kreis Euskirchen vor.

Regionaldirektor Helmut Schneider und Nicole Bauer stellten den AOK-Gesundheitsreport 2018 für den Kreis Euskirchen vor.

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Torsten Beulen

Kreis Euskirchen -

Mit dem Gesundheitsreport möchte die AOK Rheinland/Hamburg alljährlich einen Beitrag zur gesundheitspolitischen Diskussion leisten. Denn aus dem umfassenden Datenmaterial lassen sich Handlungsbedarfe ableiten - und zwar direkt vor Ort, aber auch für die Politik.

Für den Kreis Euskirchen darf die Aussagekraft des Gesundheitsreports durchaus als hoch bezeichnet werden. Immerhin ist die AOK mit rund 67.000 Versicherten und einem Marktanteil von rund 32 Prozent die größte regionale Krankenkasse vor Ort und verfügt damit über belastbare Daten. Die Ergebnisse des Gesundheitsreports für den Kreis Euskirchen stellte Helmut Schneider, Chef der AOK-Regionaldirektion Rhein-Erft-Kreis/Kreis Euskirchen, jetzt zusammen mit der Nicole Bauer vom Fachservice Marketing und Vertrieb der hiesigen Regionaldirektion vor.

Erstmals wurde im aktuellen Gesundheitsreport das Thema Zahngesundheit betrachtet. Aus den vorliegenden Zahlen geht hervor, dass die Zahngesundheit und Zahnvorsorge in direktem Zusammenhang zum sozioökonomischen Status der Versicherten steht. „Je geringer das Einkommen ist, desto seltener werden die zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch genommen“, berichtet Helmut Schneider.

Gleiches gilt für die Versiegelung der ersten und zweiten großen, bleibenden Backenzähne, der so genannten Molaren, bei Minderjährigen. Verstehen kann es der Gesundheitsexperte freilich nicht, denn dabei handelt es sich um eine Leistung, deren Kosten die gesetzliche Krankenkasse übernimmt. Schneider: „Man muss nur hingehen und es machen lassen.“

Ein weiteres Thema des diesjährigen AOK-Gesundheitsreports ist die Pflegebedürftigkeit im Kreis Euskirchen. Demnach ist die Zahl der pflegebedürftigen Personen zwischen Weilerswist und Losheim höher als in allen Regionen im Gebiet der AOK Rheinland/Hamburg. Im Kreis Euskirchen sind 5653 Menschen je 100.000 Einwohner pflegebedürftig, in Köln beispielsweise nur 3383. Der Durchschnitt liegt bei 4247.

Auch bei der Zahl der Menschen die in einer stationären Pflegeeinrichtung leben, belegt der Kreis Euskirchen mit 1248 je 100.000 Einwohner die Spitzenposition. Helmut Schneider kritisierte in diesem Zusammenhang den Mangel an Plätzen in der Kurzzeitpflege: „Das könnt deutlich besser sein.“

Besser, also in dem Fall geringer, könnte auch die Zahl der Menschen sein, die an Lungenkrebs sterben. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes NRW sind im Jahr 2016 von 100.000 Einwohnern 88,9 daran gestorben; bundesweit waren es „nur“ 55,7. Auch bei den Herzerkrankungen als Todesursache liegt der Kreis Euskirchen mit 144,1 je 100.000 Einwohner in der Spitzengruppe. „Eine Erklärung dafür habe ich nicht“, musste Helmut Schneider zugeben.

Außerordentlich gut schneidet der Kreis Euskirchen im neuen AOK-Gesundheitsreport bei der Notversorgung von Herzinfarktpatienten ab. Jeder Patient, der einen Herzinfarkt erleidet, kann im Krankenhaus sofort an einem so genannten Linksherzkathetermessplatz versorgt werden. Verbesserungsbedarf gibt es hingegen noch bei der Notfallversorgung von Schlaganfallpatienten. Nur 86,2 Prozent können umgehend in einer Stroke-Unit versorgt werden.

Durchaus Nachholbedarf gibt es nach Ansicht der AOK beim Thema Prävention. Von 1000 Menschen sind im Kreis Euskirchen nur 236 Mitglieder in einem Sportverein. Damit liegt an direktionsweit zwar über dem Durschnitt, aber noch weit entfernt von der Spitze, wo der Kreis Kleve mit 313 rangiert. „Die Kinder sitzen heutzutage länger in der Schule und am Computer. Ein Ausgleich ist deshalb umso wichtiger“, weiß Helmut Schneider. „Denn mit einem gesunden und trainierten Körper lernt es sich leichter.“

Noch schlechter schneidet der Kreis Euskirchen bei den Vorsorgeuntersuchungen für Frauen und Männer im Alter von 35 bis 64 Jahren ab. Nur jede zweite Frau nimmt diese kostenlose Leistung in Anspruch; bei den Männern sind es sogar nur 42,4 Prozent. Mit beiden Werten liegt der Kreis ganz unten im Ranking. Auch die gynäkologische Krebsfrüherkennungsuntersuchung wird nur von 47,7 Prozent aller Frauen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren wahrgenommen.

Noch einmal deutlich geringer ist die Zahl der Männer im Alter zwischen 45 und 64 Jahren, die die urologische Krebsfrüherkennungsuntersuchung in Anspruch nehmen: 19,3 Prozent. Und die Darmkrebsvorsorge für Männer im Alter von 55 bis 59 Jahren lassen gar nur 17,8 Prozent tatsächlich durchführen. „Männer sind halt Untersuchungsmuffel“, so das Urteil von AOK-Regionalchef Schneider.

Auch die Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchungen für Kinder und Jugendliche könnte im Kreis Euskirchen deutlich besser sein. Während die zwischen dem 34. und 36. Lebensmonat anstehende U7a noch bei 96,4 Prozent aller Kinder durchgeführt wird, sind es bei im Alter von sieben bis acht Jahren fälligen U10 nur noch 56,6 Prozent. Und bei der J1, die zwischen dem 13. und 15. Lebensjahr durchgeführt werden sollte, sind es sogar nur noch 34,3 Prozent. Innerhalb der AOK Rheinland/Hamburg liegt der Kreis Euskirchen damit auf dem drittletzten Platz.

Ganz weit unten im Ranking liegt der Kreis auch beim Thema Masernimpfung. Bei 92,8 Prozent aller Kinder wird die erste Masernimpfung durchgeführt, jedoch nur noch bei 84,9 Prozent die zweite, durch die erst der komplette Schutz vor einer Masernerkrankung gewährleistet ist. „Das ist deutlich zu wenig“, sagt Helmut Schneider. „Masern sind keine leichte Erkrankung, sondern sie kann sogar tödliche Folgen haben. Das Impfrisiko ist im Vergleich zu dem, was aus einer Masernerkrankung erwachsen kann, nicht erwähnenswert.“