19.04.2019
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Blind zum Erfolg: Katharina und Michael wollen Deutsche Meister im Blindentennis werden

Katharina hört und antizipiert den Ball so gut, dass sie sogar eine Klasse höher antritt, als es ihrem Sehvermögen entspricht.

Katharina hört und antizipiert den Ball so gut, dass sie sogar eine Klasse höher antritt, als es ihrem Sehvermögen entspricht.

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Düster

Köln -

Wer im Leistungssport antritt, will gewinnen - ganz egal, in welcher Sportart und Klasse, und ganz egal, ob mit Handicap oder nicht. Doch das, was Katharina Kühnlein und Michael Wahl ­machen, übersteigt meine Vorstellungskraft. Die beiden spielen sehr erfolgreich Blindentennis - ja, Blindentennis! Wie das geht, davon will ich mir selbst ein Bild machen und die beiden Kölner näher kennen lernen.

Zunächst treffe ich mich aber mit Niklas Höfken, dem Pionier der ersten Stunde: „Das Thema Blindentennis wurde 2016 in Deutschland durch die Gold-Kraemer-Stiftung initiiert und bundesweit in Kooperation mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, dem Deutschen Tennis Bund und dem Deutschen Behindertensportverband aufgebaut.“ 

So hat in Deutschland alles angefangen

Niklas Höfken rückte das Thema Blindentennis in den Fokus.

Niklas Höfken rückte das Thema Blindentennis in den Fokus.

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DTB Ronny Edelstein

Niklas war für die Gold-Kraemer-Stiftung bereits in einer­ anderen Gruppe gehandicapter Sportler als Tennistrainer aktiv, als er seine Diplomarbeit an der Deutschen Sporthochschule über Inklusion im Tennissport schrieb. Bei seinen Recherchen stieß er auf das Thema Blindentennis. Daraufhin organisierte er einen Workshop und den Besuch zweier englischer Blindentennis-Trainerinnen, die ihr Wissen vor drei Jahren an ­eine kleine Schar Interessierter in Köln weitergaben. Seitdem hat sich eine Menge entwickelt. „Mittlerweile gibt es in Deutschland acht Standorte, an denen Blindentennis gespielt wird“, berichtet Niklas. Und doch steckt Deutschland im Vergleich mit anderen Nationen noch deutlich in den Kinderschuhen. „In Japan hat alles 1984 begonnen. In England wird bereits seit 2007 gespielt. Wenn man bedenkt, dass eigentlich in jedem Verein relativ einfach Blindentennis angeboten werden könnte, hätten wir bundesweit ein Potenzial von rund 9.500 Vereinen. Da sind acht Standorte nicht wirklich viel“, bilanziert Niklas. Er ist aber dennoch zufrieden: „Wir haben 2018 die erste Deutsche Blindentennis-Meisterschaft ausgetragen und mittlerweile eine Rangliste aufgebaut. Über die Liste können sich die Sportler auch für internationale Turniere qualifizieren.“ Und jetzt steht die zweite Deutsche Meisterschaft an, vom 26. bis 28. April in Löhne, Westfalen.

Zwei Asse im Blindentennis: Katharina Kühnlein und Michael Wahl

Alena zeigt den Ball, der zu hören ist, dank Glöckchen im Inneren.

Alena zeigt den Ball, der zu hören ist, dank Glöckchen im Inneren.

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Düster

Mit dabei sind dann auch Katharina Kühnlein und Michael Wahl. Niklas trainiert die Beiden mit seiner Schwester Alena am Kölner Trainingsstandort des „Tennis für Alle“-Projektes der Gold-Kraemer-Stiftung in der Tennishalle Weiden (Kronstädter Straße). In ihren Trainingsgruppen sind weitere Blindentennispielerinnen und -spieler aktiv. Sie messen sich in vier Klassen, je nach Grad ihrer Sehbehinderung – mit einer Ausnahme: Katharina Kühnlein tritt gegen Spielerinnen an, die mehr sehen als sie selbst. „Da ist die Heraus­forderung für mich größer.“

BlindentennisGruppe

Beim Projekt "Tennis für alle" spielt Katharina (M.) unter der Leitung von Alena (2.v.r.) in der Trainingsgruppe der Spielerinnen und Spieler, die noch über ein geringes Maß an Sehvermögen verfügen, mit Susanne, Yannick und Jörg (v.l.).

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Volker Düster

„Katha“, wie sie hier gerufen wird, sieht auf dem rechten Auge gar nichts mehr, auf dem linken noch einen kleinen Tunnel mit sehr vagen, hellen und dunklen Schemen. „Offiziell habe ich noch 1,5 Prozent Sehkraft“, erzählt sie mir mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht, das nicht zu ihrer traurigen Aussage passt. Doch mir wird sehr schnell klar, dass Katti überhaupt nicht mit ihrem Schicksal hadert. Vor mir steht eine sehr lebenslustige junge Frau, der man ihre Blindheit nicht ansieht. „Ich bin mit 18 Jahren kurz vor meinem Abitur über Nacht erblindet. Keiner weiß, warum“, berichtet sie mir. Doch statt des Negativen, stellt sie das Positive heraus: „Ich kann jetzt zwar nichts mehr sehen, habe aber noch viele Bilder im Kopf. Das ist ein Vorteil, auch beim Blindentennis“, berichtet sie mir strahlend lächelnd. Ihre Blindheit ist für sie kein wirkliches Handicap. „Ich bin nicht so sehr eingeschränkt, ich weiß sogar im Grunde jetzt noch genauer, was ich will“ – das glaube ich ihr aufs Wort. 

Katharina ist die aktuelle Welt-Blinden-Fußballerin

Ihren Alltag meistert sie von der Wohnung bis zur Uni komplett alleine. Sie hat einen „ganz normalen Freundeskreis“, aber einen speziellen „besten Freund“: ihr Handy, oder besser gesagt „Google maps“. Für ihr sportliches Leben benötigt sie aber keine Hilfe, um festzustellen, wohin der Weg gehen soll. Das beweist auch ihr jüngster Erfolg: „Neben Blindentennis spiele ich auch Blinden-Fußball beim FC Schalke 04 und in der Nationalmannschaft. Da bin ich die einzige Frau im Team. In Japan wurde ich gerade zur Welt-Blinden-Fußballerin gewählt.“ Und so gibt es für sie auch im Blindentennis nur ein Ziel, die Spitze: „Ich will meinen Titel in Löhne verteidigen!“ Wenn ich sehe, wie scheinbar spielend leicht sie die Bälle trifft, ohne sie wirklich sehen zu können, kann ich mir kaum vorstellen, dass jemand Katti schlagen könnte.

Michael will gerne das "Vize" streichen

Das ist bei Michael Wahl schon etwas anders. Er ist aktuell Deutscher Vize-Meister, seine Konkurrenz ist härter. Dennoch: „Mein Ziel ist klar: Ich will Deutscher Meister werden!“ Der 38-Jährige aus Köln-Kalk hatte von Geburt an nur fünf Prozent Sehvermögen. „Damit konnte ich aber Farben und Umrisse sehen - wesentlich mehr als heute. Ich bin auch Fahrrad gefahren und habe Basketball gespielt!“ Mit 18 Jahren löste sich bei ihm aber über Nacht die Netzhaut ab, so dass ihm nur ein Prozent Sehvermögen blieb. „Sehr grobe Licht- und Schatten-Schemen kann ich noch erkennen, das war es aber.“ Und doch ist auch bei ihm keine Spur von Selbstmitleid zu erkennen.

Michael will unbedingt Deutscher Meister werden.

Michael will unbedingt Deutscher Meister werden.

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Düster

Michael arbeitet als Referatsleiter im Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz. Dreimal die Woche fährt er von Köln mit dem Zug nach Mainz. Darüber hinaus stehen zahlreiche Termine in Berlin oder anderen deutschen Städten auf dem Plan. Für Michael kein Problem: „Das Handy und die Sprachfunktionen erleichtern vieles.“ Seit zwei Jahren spielt Michael Blindentennis. „Davor habe auch ich Blinden-Fußball gespielt, das wurde mir aber zu rabiat“, schmunzelt er, „man wird nicht jünger.“ Er spielt Blindentennis mit einer Schutzbrille im völligen Dunkeln. Er hört den Ball aber so gut, dass er ihn fast immer trifft und zudem auch noch hört, wohin er ihn geschlagen hat. Ich bin total beeindruckt angesichts dieser beiden außergewöhnlichen Sportler und Per­sönlichkeiten: Res­pekt!

Um besser einschätzen zu können, wie schwer ihr Sport ist, will ich es selbst testen und wissen, wie sich das anfühlt, im absoluten Dunkel Tennis zu spielen – nur nach Gehör und Gefühl. Ob ich einen Ball treffe?

Fortsetzung folgt